Es gibt Momente im Leben, in denen man das Gefühl hat, alles verloren zu haben.
Nicht unbedingt sein Zuhause, sein Geld oder die Menschen, die man liebt.
Manchmal verliert man einfach sich selbst.
Man steht morgens auf und fragt sich, wie es eigentlich so weit kommen konnte. Dinge, die einem früher Freude gemacht haben, fühlen sich plötzlich wie eine Last an.
Man funktioniert nur noch und versucht irgendwie durch den Tag zu kommen.
Und irgendwann stellt man sich die Frage, ob man jemals wieder der Mensch sein wird, der man einmal war.
Auch ich kenne solche Momente.
Momente, in denen ich an mir gezweifelt habe. In denen ich mich gefragt habe, ob ich falsche Entscheidungen getroffen habe und warum manche Dinge in meinem Leben so gelaufen sind.
Ich hatte das Gefühl, eine Niederlage erlitten zu haben.
Doch irgendwann begann ich, mich wieder mehr mit den alten nordischen Göttern zu beschäftigen.
Besonders mit Odin.
Odin war für mich nie einfach nur ein Gott, der auf einem Thron sitzt und über die Welt herrscht.
Er war ein Suchender.
Ein Wesen, das bereit war, Opfer zu bringen, um die Welt und sich selbst besser zu verstehen.
Er verlor ein Auge, um Weisheit zu erlangen. Er hing neun Nächte am Weltenbaum Yggdrasil, um die Geheimnisse der Runen zu entdecken.
Und je mehr ich mich mit seinen Geschichten beschäftigte, desto mehr erkannte ich etwas.
Selbst Odin musste leiden, um Dinge zu verstehen, die ihm vorher verborgen geblieben waren.
Natürlich bedeutet das nicht, dass wir Menschen leiden müssen, um etwas zu lernen.
Aber vielleicht können wir aus unseren schwierigsten Zeiten manchmal Erkenntnisse mitnehmen, die uns später helfen.
Ich begann, meine eigenen Niederlagen anders zu betrachten.
Vielleicht war nicht alles, was ich verloren hatte, wirklich ein Verlust.
Vielleicht waren manche Wege einfach nicht mehr die richtigen für mich.
Und vielleicht musste ich gar nicht versuchen, wieder der Mensch zu werden, der ich früher gewesen war.
Vielleicht durfte ich auch jemand Neues werden.
Odin zeigte mir nicht, wie ich meine Probleme lösen sollte.
Er gab mir keine Antworten auf meine Fragen und nahm mir auch keine Entscheidungen ab.
Aber seine Geschichten brachten mich dazu, wieder über mein eigenes Leben nachzudenken.
Was möchte ich eigentlich?
Welche Dinge machen mich glücklich?
Und warum versuche ich manchmal noch immer, Erwartungen zu erfüllen, die gar nicht meine eigenen sind?
Ich begann wieder, die kleinen Dinge wahrzunehmen.
Die Ruhe im Wald. Die Zeit mit meiner Familie. Meine Musik, meine Geschichten und all die Ideen, die schon so lange in meinem Kopf waren.
Ich merkte, dass ich nicht alles verloren hatte.
Vielleicht hatte ich nur eine Zeit lang vergessen, was mir wirklich wichtig ist.
Und genau darin liegt für mich die Kraft der alten Götter.
Nicht darin, dass sie unsere Probleme für uns lösen.
Sondern darin, dass ihre Geschichten uns manchmal helfen können, unsere eigenen Probleme aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.
Odin hat mich nicht aus meiner Niederlage getragen. Er hat mich daran erinnert, dass ich selbst wieder aufstehen kann.
Heute weiß ich, dass weitere Niederlagen kommen werden.
Ich werde Fehler machen, an mir zweifeln und manchmal wieder das Gefühl haben, den falschen Weg eingeschlagen zu haben.
Aber vielleicht gehört genau das zum Leben.
Wir müssen nicht jede Schlacht gewinnen.
Wir müssen nicht auf jede Frage eine Antwort finden.
Und wir müssen auch nicht immer stark sein.
Manchmal reicht es, morgens aufzustehen und einen kleinen Schritt weiterzugehen.
Wenn ich heute durch den Wald laufe und an Odin denke, dann sehe ich keinen unbesiegbaren Gott vor mir.
Ich sehe einen Suchenden, der trotz seiner Opfer und Verluste niemals aufgehört hat, nach Weisheit zu streben.
Und vielleicht ist es genau das, was ich aus seinen Geschichten mitgenommen habe.
Eine Niederlage bedeutet nicht, dass unser Weg zu Ende ist.
Manchmal ist sie nur der Anfang eines Weges, den wir vorher niemals gegangen wären.
Marcel Schtoiz