Odin lebt zwischen uns

Manchmal frage ich mich, wo die alten Götter heute eigentlich sind.

Sind sie verschwunden? Sind sie vergessen worden? Oder haben wir Menschen einfach aufgehört, nach ihnen zu suchen?

Vielleicht suchen wir auch an den falschen Orten.

Wir stellen uns Odin auf seinem Thron in Asgard vor. Mit seinen beiden Raben Hugin und Munin, die über die Welt fliegen und ihm erzählen, was sie gesehen haben.

Wir denken an seine Weisheit, seine Opfer und seine ewige Suche nach Antworten.

Doch was wäre, wenn Odin uns viel näher ist, als wir glauben?

Vielleicht begegnen wir ihm jeden Tag, ohne es zu merken.

Vielleicht lebt Odin zwischen uns.

In dem Mann, der nach einem schweren Verlust morgens trotzdem wieder aufsteht.

In der Frau, die nach vielen Enttäuschungen noch immer den Mut besitzt, einem anderen Menschen zu vertrauen.

In einem Vater, der versucht, seinem Kind etwas mitzugeben, das ihm selbst in seiner Kindheit gefehlt hat.

Oder in einem Menschen, der sein ganzes Leben nach Antworten sucht und dabei immer wieder neue Fragen entdeckt.

Odin war in den alten Geschichten nicht einfach nur ein mächtiger Gott.

Er war ein Suchender.

Er opferte eines seiner Augen, um Weisheit zu erlangen. Er wollte verstehen, was hinter den Dingen steckt, und war bereit, dafür etwas von sich aufzugeben.

Vielleicht ist es genau diese Suche, die uns Menschen mit Odin verbindet.

Denn auch wir verlieren Dinge auf unserem Lebensweg.

Menschen, die wir lieben. Freundschaften, die einmal unzertrennlich schienen. Träume, von denen wir dachten, dass sie uns ein Leben lang begleiten würden.

Und manchmal verlieren wir sogar ein Stück von uns selbst.

Doch wir sammeln auch Erfahrungen. Wir lernen, verändern uns und beginnen irgendwann, die Welt mit anderen Augen zu betrachten.

Vielleicht müssen wir gar keine Götter sein, um etwas Göttliches in uns zu tragen.

Ich persönlich sehe die nordischen Götter nicht nur als Figuren aus alten Geschichten.

Für mich sind sie auch Symbole. Eigenschaften und Energien, die uns Menschen bis heute begleiten.

Thor erinnert mich an die Kraft, die wir brauchen, um unsere Familie zu beschützen.

Tyr an den Mut, für unsere Überzeugungen einzustehen.

Und Odin an die Suche nach Weisheit, selbst wenn wir dafür schwierige Wege gehen müssen.

Wenn ich alleine durch den Wald laufe, zwischen den alten Bäumen sitze und meinen Gedanken zuhöre, fühle ich mich diesen Geschichten manchmal besonders nahe.

Nicht, weil ich glaube, dass Odin plötzlich vor mir stehen muss.

Sondern weil ich dort etwas finde, das mich an ihn erinnert.

Die Ruhe, die Fragen und den Wunsch, mich selbst und das Leben ein bisschen besser zu verstehen.

Vielleicht brauchen die alten Götter keine Tempel, damit wir uns an sie erinnern.

Vielleicht leben sie in den Geschichten weiter, die wir erzählen. In unseren Entscheidungen und in der Art, wie wir mit anderen Menschen umgehen.

Und vielleicht steckt in jedem von uns ein kleiner Teil von Odin.

Nicht nur in unseren Stärken.

Sondern auch in unseren Zweifeln, Fehlern und der Hoffnung, irgendwann unseren eigenen Weg zu finden.

Vielleicht ist Odin niemals wirklich verschwunden.

Vielleicht haben wir nur vergessen, wo wir nach ihm suchen sollten.

Denn manchmal müssen wir nicht nach Asgard reisen, um Odin zu begegnen. Manchmal reicht ein Blick in uns selbst.

Marcel Schtoiz